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10. Juni 2026

AMLA: Weniger Bürokratie, mehr Risikoorientierung – und ein Wettlauf gegen die Zeit

Marcus Sonnenberg

4 Minuten

„Building Trust, Enhancing Integrity“: Die erste AMLA-Konferenz sendet klare Signale

Mit ihrer ersten Jahreskonferenz in Frankfurt am Main hat die Anti-Money Laundering Authority (AMLA) erstmals öffentlich skizziert, wie sie die europäische Geldwäscheaufsicht künftig gestalten will. Unter dem Motto „Building Trust, Enhancing Integrity“ versammelten sich Vertreter der Europäischen Kommission, des Europäischen Parlaments, nationaler Aufsichtsbehörden, FIUs, Strafverfolgungsbehörden und der Finanzindustrie.

Wer allerdings konkrete Ankündigungen zu neuen Aufsichtsmaßnahmen oder zusätzlichen Pflichten erwartet hatte, dürfte überrascht worden sein. Die zentrale Botschaft der Konferenz lautete vielmehr: AMLA soll nicht mehr Regulierung schaffen, sondern die bestehende Regulierung vereinfachen, harmonisieren und risikoorientierter anwenden.

Gleichzeitig wurde deutlich, dass die neue Behörde vor einer gewaltigen Aufgabe steht. Sie muss innerhalb weniger Jahre eine europaweit einheitliche Aufsicht etablieren, Daten aus unterschiedlichsten Quellen zusammenführen und gleichzeitig verhindern, als „bürokratisches Monster“ wahrgenommen zu werden.

AMLA-Chefin Bruna Szego begrüßt die Teilnehmer

Brüssel sendet Warnung: Keine neue Bürokratiebehörde

Besonders bemerkenswert waren die politischen Signale aus Brüssel.

EU-Finanzkommissarin Maria Luís Albuquerque machte deutlich, dass AMLA ihren Erfolg nicht an der Zahl neuer Vorgaben messen werde. Die Europäische Union habe in der Vergangenheit zu oft auf Probleme mit zusätzlichen Regelwerken reagiert. Dies dürfe sich bei AMLA nicht wiederholen.

Die Aufsicht müsse:

  • einfacher,
  • intelligenter,
  • verhältnismäßiger

werden.

Auch der Vorsitzende des Rechtsausschusses des Europäischen Parlaments, Javier Zarzalejos, formulierte eine klare Erwartung: Ziel sei nicht „stärkere Aufsicht“, sondern „ein sichereres Europa“.

Diese Aussagen waren mehr als politische Grußworte. Sie spiegeln eine Sorge wider, die in Brüssel und in den Mitgliedstaaten offenbar zunehmend diskutiert wird: die Sorge, AMLA könnte zu einer weiteren europäischen Bürokratieebene werden. Mehrere Redner betonten deshalb, dass die neue Behörde ihren Mehrwert erst noch beweisen müsse.

Risikoorientierung wird zum Leitprinzip

Kaum ein Begriff fiel häufiger als „risk-based supervision“. AMLA-Führungskräfte machten deutlich, dass die Behörde ihre Ressourcen auf die größten Risiken konzentrieren will. Besondere Aufmerksamkeit sollen künftig grenzüberschreitende Geschäftsmodelle, Krypto-Dienstleister, innovative Zahlungsdienste und komplexe internationale Strukturen erhalten.

Dabei wurde mehrfach auf eine zentrale Herausforderung hingewiesen: Mit Inkrafttreten des neuen EU-Geldwäscherechts werden künftig mehrere Millionen Verpflichtete den europäischen Vorgaben unterliegen. Allein im Nichtfinanzsektor könnte die Zahl der Verpflichteten auf rund drei Millionen steigen.

Vor diesem Hintergrund sei eine Aufsicht nach dem Prinzip „one size fits all“ schlicht unmöglich. Der künftige Ansatz lautet daher mehr Aufsicht dort, wo die Risiken hoch sind, weniger Belastung dort, wo die Risiken gering sind. Diese Forderung kam nicht nur von AMLA selbst, sondern wurde ausdrücklich auch von Politik und Wirtschaft unterstützt.

Die ersten 40 AMLA-Institute: Die Vorbereitungen laufen bereits

Von besonderem Interesse waren die Ausführungen zur Auswahl der ersten direkt von AMLA beaufsichtigten Institute. Mehrere Vertreter der Behörde machten deutlich, dass die Vorbereitungen längst begonnen haben. Bereits seit diesem Jahr identifiziert AMLA potenzielle Kandidaten. Die formale Auswahl erfolgt 2027.

Ausgewählt werden zunächst 40 Institute. Entscheidend sind dabei insbesondere die Präsenz in mindestens sechs Mitgliedstaaten, die grenzüberschreitende Bedeutung und eine risikobasierte Bewertung. Interessant war der Hinweis, dass diese Zahl lediglich den Ausgangspunkt darstellt. AMLA kann später weitere Institute in die direkte Aufsicht aufnehmen.

Gleichzeitig versuchte die Behörde, möglichen Reputationsrisiken entgegenzutreten. Die Aufnahme in die AMLA-Aufsicht sei ausdrücklich kein Hinweis auf Defizite oder mangelhafte Compliance. Vielmehr gehe es um Größe, internationale Reichweite und Risikopotenzial.

Das eigentliche Projekt heißt Daten

Wenn es ein Thema gab, das sich durch nahezu alle Panels zog, dann war es die Bedeutung von Daten.

AMLA wird künftig Informationen aus einer Vielzahl unterschiedlicher Quellen erhalten:

  • Daten aus der direkten Aufsicht,
  • Informationen nationaler Finanzaufsichtsbehörden,
  • Daten aus dem Nichtfinanzsektor,
  • Erkenntnisse aus FIU-Analysen,
  • Risikodaten auf europäischer Ebene.

AMLA-Exekutivdirektor Nicolas Vasse beschrieb die Behörde deshalb nicht als „Data Hub“, sondern als künftigen „Risk Hub“ Europas. Die Idee dahinter: Daten allein schaffen noch keine Erkenntnisse. Erst durch Analyse, Verknüpfung und Interpretation entstehen verwertbare Risikoinformationen.

Mehrere Teilnehmer betonten allerdings, dass dies nur funktionieren werde, wenn die Daten europaweit standardisiert werden. Gefordert wurden gemeinsame Definitionen, einheitliche Datenformate, standardisierte Typologien und gemeinsame Identifikatoren. Andernfalls drohe lediglich ein Anwachsen der Datenmengen ohne echten Erkenntnisgewinn.

Von der Verdachtsmeldung zur europäischen Risikosteuerung

Besonders interessant war die Diskussion über die Zukunft der Zusammenarbeit zwischen FIUs, Aufsicht und Verpflichteten. Mehrere Redner kritisierten, dass Verdachtsmeldungen innerhalb Europas bislang sehr unterschiedlich ausgestaltet seien. Auch die technischen Systeme der FIUs seien teilweise kaum kompatibel.

Als Zielbild wurde ein europäisches System beschrieben, das Risiken wesentlich schneller identifizieren und verbreiten kann. Dazu gehören:

  • strukturierte und maschinenlesbare Typologien,
  • schnellere Rückmeldungen an Verpflichtete,
  • europaweite Risikoindikatoren,
  • gemeinsame Datenschnittstellen.

Bemerkenswert war in diesem Zusammenhang die Vorstellung des neuen Scoring-Modells der deutschen FIU. Verdachtsmeldungen werden künftig auf einer Skala von 1 bis 100 bewertet. Ziel ist eine effizientere Priorisierung und Bearbeitung eingehender Meldungen.

Vertreter von Strafverfolgungs- und Ermittlungsbehörden diskutierten die Rolle der FIUs

Kryptowerte, Stablecoins und digitale Hawala-Systeme

Inhaltlich rückten insbesondere neue Technologien in den Fokus. Die Vorsitzende des ECON-Ausschusses des Europäischen Parlaments, Aurore Lalucq, forderte AMLA ausdrücklich auf, die Nutzung von Stablecoins durch organisierte Kriminalität stärker in den Blick zu nehmen.

Noch interessanter waren die Ausführungen von Europol zu sogenannten „Digital Hawala Hubs“. Diese geschlossenen Plattformen ermöglichen es Hawaladaren weltweit, miteinander in Kontakt zu treten und grenzüberschreitende Geldtransfers innerhalb kürzester Zeit zu organisieren. Die Systeme zeichnen sich insbesondere durch ihre hohe Anonymität und den Einsatz verschlüsselter Kommunikationswege aus. Gleichzeitig erlauben sie es den Nutzern, internationale Geldtransfers weitgehend außerhalb des regulierten Finanzsystems abzuwickeln und damit klassische Finanzintermediäre wie Banken oder Zahlungsdienstleister zu umgehen. Nach Einschätzung von Europol stellt diese Entwicklung eine neue Dimension der Digitalisierung informeller Finanznetzwerke dar und erschwert zugleich die Nachverfolgbarkeit von Geldströmen durch Strafverfolgungs- und Aufsichtsbehörden.

Europol betrachtet diese Entwicklung als eine der derzeit spannendsten neuen Geldwäschebedrohungen.

Künstliche Intelligenz verändert die Bedrohungslage

Ebenfalls intensiv diskutiert wurde die Rolle künstlicher Intelligenz. Aus Sicht von Europol, Banken und Strafverfolgungsbehörden steht fest, dass KI Betrugs- und Scam-Modelle massiv beschleunigt.

Betrug entwickelt sich zunehmend zu einer industriell skalierbaren Kriminalitätsform. Deepfakes, automatisierte Kommunikation und KI-gestützte Betrugskampagnen ermöglichen eine bislang nicht gekannte Reichweite bei gleichzeitig sinkenden Kosten für die Täter. Gleichzeitig soll KI auch Teil der Lösung sein.

Sowohl AMLA als auch Europol kündigten an, künftig verstärkt auf datengetriebene Analysen und KI-basierte Risikomodelle zu setzen.

Harmonisierung bleibt die eigentliche Bewährungsprobe

Neben aller Technologie-Themen kristalisierte sich eine andere entscheidende Frage heraus:

Wird AMLA die Zersplitterung der europäischen Geldwäscheaufsicht tatsächlich überwinden können?

Die Vertreter der Banken machten deutlich, dass sie eine Zentralisierung der Aufsicht ausdrücklich begrüßen würden – allerdings nur dann, wenn dadurch nationale Sonderwege tatsächlich verschwinden.

Genau hier dürfte die größte Herausforderung liegen. Denn obwohl die AMLR ab 2027 unmittelbar gilt, ist keineswegs sicher, dass alle Mitgliedstaaten ihre widersprüchlichen nationalen Regelungen rechtzeitig anpassen werden. Sollte die Harmonisierung scheitern, droht AMLA genau das zu werden, was Politik und Wirtschaft verhindern wollen: eine zusätzliche Aufsichtsebene ohne spürbaren Vereinfachungseffekt.

Fazit

Die erste AMLA-Konferenz hat gezeigt, dass die Behörde ihre Rolle gefunden hat. Sie versteht sich nicht als weitere Regulierungsinstanz, sondern als europäischer Risiko-Hub, der Daten, Aufsicht und Finanzermittlungen miteinander verbindet. Gleichzeitig wurde deutlich, dass die Erwartungen enorm sind. AMLA soll die europäische Aufsicht harmonisieren, Risiken früher erkennen, neue Technologien beherrschen, die Zusammenarbeit der FIUs verbessern und gleichzeitig Bürokratie abbauen.

An Herausforderungen mangelt es nicht. Entscheidend wird nun sein, ob es AMLA gelingt, die versprochene Vereinfachung und Harmonisierung auch in der Praxis umzusetzen.

Marcus Sonnenberg

Dr. Marcus Sonnenberg ist Jurist und berät seit 2015 Unternehmen des Finanzsektors, insb. in Fragen der Bekämpfung von Finanzkriminalität. Seine Arbeit konzentriert sich auf die praktische Umsetzung geldwäscherechtlicher Anforderungen in Organisationen: von der Gestaltung sicherer Prozesse und Systeme über die Kommunikation mit Aufsichtsbehörden bis hin zur Begleitung interner und externer Prüfungen. Als Autor zahlreicher Fachbeiträge kommentiert er regelmäßig aktuelle Entwicklungen in der Geldwäschebekämpfung. Zudem ist er als Dozent in Weiterbildungen und Fachveranstaltungen für Geldwäschebeauftragte und Compliance-Verantwortliche tätig.

Dr. Marcus Sonnenberg ist Jurist und berät seit 2015 Unternehmen des Finanzsektors, insb. in Fragen der Bekämpfung von Finanzkriminalität. Seine Arbeit konzentriert sich auf die praktische Umsetzung geldwäscherechtlicher Anforderungen in Organisationen: von der Gestaltung sicherer Prozesse und Systeme über die Kommunikation mit Aufsichtsbehörden bis hin zur Begleitung interner und externer Prüfungen. Als Autor zahlreicher Fachbeiträge kommentiert er regelmäßig aktuelle Entwicklungen in der Geldwäschebekämpfung. Zudem ist er als Dozent in Weiterbildungen und Fachveranstaltungen für Geldwäschebeauftragte und Compliance-Verantwortliche tätig.

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